Warum Segeln? Was macht die Faszination aus?

Was ist eigentlich das Tolle am Segeln?

Segeln ist wie Camping auf dem Wasser – oder?

Wie erklärt man die Faszination des Segelns Leuten, die selbst nicht segeln? Wenn wir von unseren Erlebnissen erzählen, ernten wir oft erstaunte Blicke: Ständig sind die Klamotten feucht. Es schwankt hin und her. Irgendwie wird einem kodderig, erst auf See, später dann an Land. Der Wind pfeift kalt um die Ohren. Die Finger werden klamm und tun weh. Blaue Flecken zeigen sich an Orten, wo man sie bisher noch nie vermutet hatte. Unter Deck haut man sich die Rübe an. Die Bordtoilette – wenn überhaupt vorhanden – vermittelt ein nie gekanntes „Raumgefühl“. Klingt bestenfalls nach Camping-Abenteuerurlaub. Ist nur eine winzige Kleinigkeit teurer. Also warum segeln?

Es gibt natürlich auch offensichtlich schöne Momente: Sonne, leichte Backstagsbrise, blauer Himmel, weites Meer, verträumte Ankerbuchten, echte Tiere in „freier Wildbahn“, wie z.B. Delfine, Wale, Meeresschildkröten, von Fischen jeder Art und Größe ganz zu schweigen. Der Sonnenuntergang! Das können auch Nichtsegler nachvollziehen.

Also warum segeln?

Ich glaube, das oben Gesagte ist es nicht – jedenfalls nicht in erster Linie – was die Faszination des Segelns ausmacht. Mein Schlüsselerlebnis fand am ersten Übungstag in der Segelschule statt: Bever-Talsperre. Es ist saukalt und regnet. Wir machen die Jolle, einen Kielzugvogel, segelklar. Beim Schließen der Schäkel faulen mir vor Kälte schon fast die Finger ab. Dann steigen wir ins Boot. Ablegen. Die Segel werden dichtgeholt … und wie durch ein Wunder setzt sich das Boot fast lautlos, untermalt von leisem Gurgeln des Wassers, in Bewegung. Einfach so, ohne Motor, ohne Paddel. Einfach so! Vom Moment des Ablegens an geht es nur noch darum, das Zusammenspiel von Wind, Segel und Ruder zu koordinieren. Nicht, um irgendwo hinzukommen, sondern um in diesem Augenblick das Richtige zu tun.

„Der Weg ist das Ziel!“ In vielen Zusammenhängen eher albern und bestenfalls leicht esotherisch. Aber wenn es eine Tätigkeit gibt, auf die dieses Motto zutrifft, dann ist es das Segeln.

Segeln ist ein Flow-Erlebnis.

Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt kann Segeln als eine autotelische Aktivität beschrieben werden. Autotelisch ist eine Tätigkeit, wenn sie einzig und allein um ihrer selbst willen ausgeführt wird. Der Handelnde geht dabei in seiner Aktivität völlig auf und nimmt nur noch die Dinge wahr, die unmittelbar für diese Aktivität relevant sind. Der Wissenschaftler (mit dem unausprechlichen Namen) Mihaly Csikszentmihalyi hat diesen psychologischen Zustand als Flow bezeichnet. Im Tun aufgehen: „Flow ist das Verschmelzen von Handlung und Bewußtsein. Ein Mensch im Flow-Zustand ist sich zwar seiner Handlungen bewußt, nicht aber seiner selbst. Fragen, wie zum Beispiel: „Mache ich meine Sache gut? Was tue ich hier? Sollte ich das wirklich tun?“, kommen dem Akteur gar nicht in den Sinn.“ (Cskiszentmihalyi 1985, 61ff).

Flow stellt sich nach wissenschaftlicher Lehrmeinung dann ein, wenn ein Gleichgewicht zwischen den Herausforderungen einer Situation und den eigenen Fähigkeiten besteht. Wobei vorausgesetzt wird, daß die Situation bereits gewisse Herausforderungen mit sich bringt. Flow ist ein Erlebniszustand zwischen Angst und Langeweile. Angst kommt auf, wenn man sich den Herausforderungen nicht mehr gewachsen fühlt, Langeweile stellt sich ein, wenn die eigenen Fähigkeiten die situationalen Herausforderungen deutlich übersteigen.

Beim Segeln kann man so richtig abschalten – und noch etwas lernen.

Um hier mal wieder zum Segeln zurück zu kehren: Jede Segelsituation hat ihre eigenen Herausforderungen. Und Spaß macht es vor allem dann, wenn dabei die eigenen Fähigkeiten nicht überstrapaziert, aber auch nicht unterfordert werden. Dann stellt sich der Flow-Zustand ein („Flow is fun“, Privette 1983, 1364). Alles andere wird nebensächlich. Job, Büro, Stress? Alles vergessen, und zwar sofort!

Und das Schöne daran ist: Die Qualität der Herausforderungen, deren Anspruchsniveau, kann man in weiten Teilen selber festlegen und den eigenen Fähigkeiten anpassen. Je mehr man dazu lernt, desto größere Herausforderungen kann man sich suchen. Die Schrittweite kann man dabei selber festlegen. Solange man sich nicht überfordert und es mit der Angst zu tun bekommt und solange es nicht langweilig wird, bleibt der Spaß erhalten.

Vielleicht erklärt das auch, warum es beim Segeln nicht so sehr auf die äußeren Umstände (Regen oder Sonne, Flaute oder Sturm, Traumbucht oder Yachthafen) ankommt.

Das Tolle am Segeln? Ist das Segeln!


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